Was hat die nationalsozialistische Diktatur mit einem kleinen Dorf im Westerwald zu tun? Sehr viel. Denn der Terror des NS-Regimes fand nicht nur in den großen Städten und den Konzentrationslagern statt. Er reichte bis in die Nachbarschaften und Familien vor Ort und traf konkrete Menschen wie Wilhelm Kornab (1899–1958) aus Lochum.
Am Freitagabend, 28. August 2026, wurde an seinem ehemaligen Geburtshaus in der Alten Poststraße 13 feierlich eine Gedenktafel enthüllt. Rund 60 Menschen nahmen an der Einweihungsfeier teil – eine bemerkenswerte Zahl in einer Gemeinde mit gerade einmal 290 Einwohnern. Unter den Gästen waren auch Angehörige Wilhelm Kornabs, die teilweise von weit her, u.a. aus München, angereist waren. Grundlage des Erinnerungsprojekts war eine intensive historische Recherche- und Gestaltungsarbeit im Rahmen eines Leistungskurses und eines Grundkurses Geschichte am Mons-Tabor-Gymnasium Montabaur. Unter Anleitung und Betreuung ihres Lehrers Dr. Markus Müller setzten sich unter den Kursmitgliedern Julian Hannappel, Benedikt Hutya und Berno Lause intensiv mit der Biografie Wilhelm Kornabs auseinander, werteten historische Quellen und Archivalien aus und entwickelten daraus die Idee und Gestaltung der Gedenktafel.
Ein Leben im Visier der Gestapo
Wilhelm Kornab war fest im Westerwald verwurzelt und in den 1930er-Jahren zeitweise als stellvertretender Bürgermeister in Rothenbach tätig. Seine Familie bewies bereits damals bemerkenswerte Zivilcourage. Entgegen den Vorgaben des NS-Regimes hielt sie auch in den späten 1930er-Jahren Kontakt zu jüdischen Mitbürgern und empfing sie offen in ihrem Haus. Anfang 1938 wurde Kornab nach einer unbedachten regimekritischen Äußerung während einer Tanzveranstaltung denunziert und geriet dadurch ins Visier der Gestapo. Obwohl ein Gericht den Haftbefehl aufhob und das Oberlandesgericht Kassel das Verfahren wegen Geringfügigkeit einstellte, setzte sich die Gestapo eigenmächtig über diese Entscheidungen hinweg. Kornab wurde in sogenannte „Schutzhaft“ genommen und in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Monatelange Qualen, Zwangsarbeit und die ständige Angst vor dem Tod hinterließen schwere körperliche und seelische Spuren. Erst im April 1939 wurde Kornab im Zuge einer Hitler-Amnestie entlassen. Schwer gezeichnet an Körper und Seele kehrte er in seine Heimat zurück. Trotz des erlittenen Unrechts stellte er sich nach dem Krieg erneut in den Dienst der Allgemeinheit. Bis zu seinem Tod im Jahr 1958 wirkte er als Gemeinderechner und übernahm damit weiterhin Verantwortung für seine Mitmenschen und seine Heimatgemeinde.
Erinnerung, die verbindet
Besonders bewegt zeigte sich Gisbert Menges aus Rothenbach, der Schwiegersohn Wilhelm Kornabs. Gemeinsam mit weiteren Angehörigen nahm er an der Gedenkfeier teil. Unter der neu enthüllten Gedenktafel legten die Angehörigen Blumen nieder. Ortsbürgermeister Frank Petmecky betonte, wie sehr er sich über die Anwesenheit der Familienmitglieder freue. Zugleich hob er hervor, dass die Gemeinde mit der Gedenktafel ein deutliches Zeichen für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie setze.
Die Wurzeln des Projekts reichen bis ins Jahr 2022 zurück: Unter Anleitung und Betreuung von Dr. Markus Müller erforschte Julian Hannappel die Biografie Wilhelm Kornabs und veröffentlichte seine Forschungsergebnisse im Jahrbuch des Westerwaldkreises. Im darauffolgenden Jahr entwickelten Berno Lause und Benedikt Hutya auf dieser Grundlage den Entwurf für die Gedenktafel. Aus einer schulischen Auseinandersetzung mit einem historischen Einzelschicksal war damit ein Erinnerungsprojekt entstanden, das schließlich seinen Platz im öffentlichen Raum fand. Noch Tage nach der Enthüllung erreichten die drei ehemaligen Schüler und ihren Lehrer Nachrichten von Menschen, die ihnen zuvor völlig unbekannt gewesen waren und die sich für ihre Arbeit bedankten. Diese unmittelbare Anerkennungen und Wertschätzungen zeigen ihnen, dass ihr Engagement über den schulischen Rahmen hinaus wahrgenommen wird und Wirkung entfaltet.
Ein Blick, der Verantwortung einfordert
Auch die Gestaltung der Gedenktafel trägt dazu bei, Wilhelm Kornabs Geschichte eindringlich sichtbar zu machen. Auf tiefschwarzem Grund erinnern der rote Winkel – das Kennzeichen politischer Häftlinge – und ein Porträt an den ehemaligen Bewohner des Hauses. Besonders eindrucksvoll ist dabei sein direkter Blick. Aufrecht und aufmerksam blickt Kornab den Betrachter unmittelbar an. Dieser Blickkontakt überbrückt die Jahrzehnte und macht aus einer historischen Persönlichkeit einen Menschen, der uns heute unmittelbar gegenübersteht. Er fordert dazu auf, hinzusehen, sich mit seiner Geschichte auseinanderzusetzen und Verantwortung für die Werte zu übernehmen, die damals mit Füßen getreten wurden. Auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer hatte diesen besonderen Aspekt bei einer früheren Präsentation verschiedener Gedenkobjekte aus vorherigen Projekte hervorgehoben. Die feierliche Enthüllung in Lochum macht damit deutlich: Das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus ist keine ferne Theorie und keine abgeschlossene Vergangenheit. Es findet auch unmittelbar vor unserer Haustür statt.
Durch das Engagement der ehemaligen Schüler des Mons-Tabor-Gymnasiums ist Wilhelm Kornabs Schicksal wieder sichtbar geworden. Die Gedenktafel erinnert nicht nur an einen Menschen aus Lochum, sondern auch daran, wohin Ausgrenzung, Denunziation, Willkür und die Missachtung rechtsstaatlicher Grundsätze führen können. Für die drei ehemaligen Schüler ist das Projekt zugleich ein eindrucksvolles Beispiel dafür, was aus engagierter historischer Bildungsarbeit entstehen kann: Aus der Recherche in Archiven, der Beschäftigung mit einer einzelnen Biografie und der kreativen Umsetzung einer Idee wurde ein dauerhaftes Zeichen gegen das Vergessen. Auch für die Schulgemeinschaft bleibt die Gedenktafel deshalb ein mahnender Appell, Demokratie, Zivilcourage und die Würde jedes Menschen aktiv zu schützen und zu bewahren.
Fotos: Fotostudio Röder-Moldenhauer Bad Marienberg
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